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Für wen lohnt sich ein Wasserstoff Auto? Der Alltags-Praxistest

Seit einem Jahr fahre ich ein Wasserstoff-Auto im Alltag. Zeit für eine Zwischenbilanz und ein Tipps für Alle die ebenfalls mit dem Gedanken spielen ein Wasserstoffauto zu kaufen. Ich werde diesen Beitrag zu bestimmten Kilometerpunkten (100.000 km, 150.000 km etc.) aktualisieren und ergänzen.

(Titelbild: Frank H. / stock.adobe.com)

Was hat das mit Permakultur zu tun ?

Das ist eine durchaus berechtigte Frage. Wer sich nicht so viel mit Permakultur beschäftigt hat, der denkt bei Permakultur vor Allem ans Gärtnern. Permakultur hat aber noch viel mehr in Petto: David Holmgren hat mit seiner Permakultur-Blume aufgezeigt, dass permakulturelles Handeln sich auf alle Bereiche des menschlichen Gestaltens auswirkt. Und dazu gehört auch der verantwortliche Umgang mit nachhaltigen Technologien.

Das Zeitalter der fossilen Brennstoffe neigt sich dem Ende zu und wir dürfen uns mit neuen Formen der Energiegewinnung und -Nutzung beschäftigen. Wasserstoffautos gehören für mich zu einer dieser Formen.

Hinzu kommt, dass ich auf einer Reise durch nachhaltige Bauernhöfe und Ökodörfer Südfrankreichs auf einen der Pioniere der Brennstoffzellen-Technologie, Nick Abson, gestoßen bin der mir die Technologie erstmals nahegebracht hat indem er mir die Bauteile einer Brennstoffzelle und deren Herstellung vor Ort demonstrierte. Dieses Erlebnis hat mich an sich nicht los gelassen, war aber auch nicht der ausschlaggebende Grund für den Kauf eines Wasser-Stoff Autos. Mehr dazu unten.

Warum nicht mit dem ÖPNV unterwegs sein ?

Auch das ist eine sehr gute Frage. Um gut mit dem ÖPNV durch Deutschland zu kommen muss man zunächst mal irgendwo wohnen, wo es eine Anbindung gibt. Wer auf dem Land wohnt hat oft schlechte Karten.

An meinem Wohnort fährt eine S-Bahn-Linie – allerdings sehr unzuverlässig. Kunden von mir wohnen außerdem auf dem Land und mein täglicher Arbeitsweg würde sich um 2 Stunden verlängern.

Wer in der Großstadt wohnt kann sich beim ÖPNV aber meistens glücklich schätzen – hier ist es deutlich leichter auf das Auto zu verzichten und diese Möglichkeit sollte aus meiner Sicht auch genutzt werden (oft kann man hier auch besser mit dem Rad fahren).

Warum kein reines E-Auto?

E-Autos haben eine deutlich bessere Energieeffizienz als Wasserstoffautos. Aus diesem Grund werden Wasserstoffautos auch vermutlich immer eine Nische bleiben, wenn sie nicht irgendwann durch bessere Lademöglichkeiten und Batterietechnologien komplett aussterben.

Auch ist der Wasserstoff von der Tankstelle im Vergleich zum Aufladen an der heimischen Wallbox pro 100 km Fahrt deutlich teurer. Auch aus diesem Grund sind Wasserstoffautos also erst einmal unattraktiv.

Trotzdem habe ich mich aus einer Kombination von Gründen für ein Wasserstoffauto entschieden und diese möchte ich hier einmal darlegen, denn wenn du dich in diesen Punkten wiederfindest, könnte ein Wasserstoffauto eventuell auch eine Möglichkeit für dich sein.

  • Ich kann in meiner Mietwohnung nicht zuhause laden.

Die Gesetzeslage für Mieter ist was das angeht nicht wirklich gut. Der Vermieter darf den Bau einer Wallbox in der Garage oder auf dem gemieteten Stellplatz zwar nicht verwehren, aber er darf die Kosten dafür auf den Mieter umlegen. Das lohnt sich eigentlich nur dann wenn ich vorhabe sehr lang in einer Mietwohnung zu bleiben und das ist bei mir eben recht unsicher.

  • Öffentliche Ladesäulen sind teuer oder verlangen eine Standgebühr

Klar gibt es öffentliche Ladesäulen. Aber entweder ich nehme DC-Lader mit 150 KW und mehr und zahle zwischen 50 und 90 Cent pro Killowattstunde (und muss eine halbe Stunde warten) oder ich nehme einen günstigen AC Lader und zahle ab 1 Stunde Ladedauer eine Standgebühr, damit die Ladesäule wieder frei wird (und muss am nächsten Morgen zur Ladesäule laufen). Hinzu kommt: Nicht alle E-Autos können mit 150 KW laden. Der Renault Zoe, ein recht erschwinglicher Elektro-Kleinwagen kann nur mit 50 KW Schnell-Laden und das dauert dann etwa 1 Stunde von 10-80%. So lange will ich nicht im Auto sitzen und warten.

Bei beiden Varianten relativiert sich der Kostenvorteil von E-Autos relativ schnell. Außerdem muss man sich immer überlegen ob man es im Alltag auf Dauer schafft das öffentliche Laden so durchziehen. DC Laden am Supermarktparkplatz kann ich mir gut vorstellen, aber eben nur beim Wocheneinkauf. Und laut diverser Studien kann zu häufiges DC-Laden mit hohen KW-Zahlen den Batteriezustand schneller verschlechtern als langsameres AC-Laden.

  • E-Autos mit einer akzeptablen Reichweite UND einer modernen Ladetechnologie (mindestens 100 KW) sind (immernoch) recht teuer.

Vor einem Jahr gab es eigentlich nur den Dacia Spring als günstiges Einsteigermodell. Mit einer schlechten Crashtest-Bewertung und einer sehr kleinen Reichweite fiel der aber aus der Auswahl.

Mittlerweile gibt es immerhin von Hyundai den ‘INSTER’ mit dem man eine akzeptable Reichweite erzielt und der auch mit modernen Schnell-Ladern umgehen kann sowie einen recht guten Einstiegspreis hat. Ohne die Möglichkeit des Ladens zuhause aber auch heute immernoch keine Option für mich.

  • Gebrauchtwagen sind oft bereits veraltet oder der Batteriezustand ist unbekannt.

Mittlerweile findet man auf einschlägigen Portalen zwar auch Gebrauchte E-Autos mit unabhängigen Batterie-Zertifikaten, damit man nicht mehr die Katze im Sack kauft. Jedoch ist das aktuell noch der wesentlich kleinere Teil der Angebote. Es bleibt abzuwarten wann mehr Gebrauchtwagenhändler solche Zertifikate mit in den Inseraten angeben.

Warum kein Plugin-Hybrid (PHEV)?

Plug-In Hybride verbinden einen Verbrennungsmotor mit einer extern aufladbaren Batterie und einem Elektromotor. Damit können sie (wenn nötig) deutlich bessere Reichweiten erzielen als ein reiner Verbrennungsmotor erzielen. Die rein elektrische Reichweite liegt aber meist im Bereich von 100 km und sind deswegen nur für Pendlerfahrten wirklich sinnvoll.

Für den Ausflug zur Famile oder mit Freunden in den Freizeitpark fährt man dann mit dem Verbrennungsmotor. Meist haben Plug-in Hybride aufgrund der kleinen Batteriekapazität keine Schnell-Lade-Fähigkeit, was das Aufladen auf der Autobahn zur Geduldsprobe werden lässt. In der Realität werden Plugin-Hybride außerhalb von täglichen Pendelfahrten also meist wie Verbrenner gefahren.

Außerdem bleibt das Problem mit dem Laden zuhause. Wer nicht daheim laden kann, hat wenig Chancen den Vorteil des PHEV auf der Pendelstrecke auch wirklich zu nutzen. Wenn ich es könnte würde ich vermutlich einen PHEV fahren, da es aktuell eine gute Möglichkeit ist, 90% aller gefahrenen Kilometer günstig und nachhaltig zurückzulegen und trotzdem eine deutlich bessere Reichweite als bei einem reinen E-Auto zu haben.

Warum also ein Wasserstoffauto?

Ein Wasserstoffauto bietet für meinen speziellen Fall genau das was ich brauche:

  • Eine akzeptable Reichweite von 400 (bei flotter Fahrweise) bis 500+ Kilometer (bei sparsamer Fahrweise)
  • Kurze Auftankzeiten (3-5 Minuten)
  • Ein akzeptabler Kaufpreis (aktuell 01/26 ab 6.000€)
  • Ein Kilometerpreis (regional, nur Kraftstoff) von etwa 9-13€ pro 100 Kilometer.
  • Ausreichend Tankstellen (aktuell 5 Tankstellen) in meiner näheren Umgebung.
  • Zumindest lokal emissionsfreies Fahren und bei grünem Wasserstoff zu 100% emissionsfrei (unterschiedlich je nach Tankstelle)
  • Garantie von Toyota bis 250.000 Kilometer oder 10 Jahre auf Hybridbatterie, Brennstoffzelle und andere Fahrzeugteile
  • Wasserstoff-Tanks verlieren keine Reichweite im Gegensatz zu Batterien und sind damit verlässlicher beim Gebrauchtkauf.
  • Ich mache keine Fahrten ins Ausland
  • Ein verdammt gutes Soundsystem

Ist ein Wasserstoffauto also für jeden ? Auf keinen Fall !

Wer zuhause laden kann, sollte das allein schon aus finanziellen Gründen nutzen! Mit E-Autos erreicht man extrem niedrige Kilometerkosten für den Ladestrom. Wer eine eigene Solaranlage hat, fährt quasi kostenfrei.

Wer das machen kann aber trotzdem hin und wieder hohe Reichweiten benötigt sollte auf einen PHEV setzen (z. B. Mitsubishi Outlander, Toyota Prius PHEV ab ca. 2015, etc.) und ist dabei häufig emissionsfrei und mit einem guten Startpreis (gebrauchte ab ca. 15.000€) sehr gut unterwegs.

Wer mehr Geld hat und sich ein E-Auto mit großer Batterie leisten kann ist natürlich auch gut beraten eine eigene Solaranlage zu nutzen, um die hohen Wertverluste beim Auto auszugleichen.

Wer nicht zuhause laden kann, und ein gutes Tankstellennetz in der Nähe hat (Hamburg, Berlin, Ruhrgebiet, Rhein-Main-Gebiet, Bergstraße und Region Heidelberg-Mannheim sowie München) und bereit ist für den Kraftstoff in etwa so viel wie bei einem Benziner (manchmal auch etwas mehr) zu zahlen kann durchaus auf ein Wasserstoffauto setzen.

Allerdings mit der Einschränkung dass ich keine Neuwagen sondern nur Gebrauchte kaufen würde (aufgrund des niedrigen Kaufpreises, sonst lohnt es sich in Anbetracht der Kraftstoffkosten nicht).

Und hier noch eine wichtige Anmerkung: Der Wirkungsgrad von Wasserstoff-Fahrzeugen ist im Vergleich zu reinen Elektro-Autos extrem niedrig. Wer also irgendwie kann, sollte sich unbedingt ein E-Auto besorgen, denn jede hergestellte Kilowattstunde Strom kommt hier fast vollständig auf die Straße. Die Ladeverluste sind im Vergleich zur relativen Ineffizienz der Brennstoffzelle vernachlässigbar. Ich kann mir nicht vorstellen, dass H2-Fahrzeuge in den Massenmarkt eintreten werden, da der Energieverlust im Vergleich zum direkten Stromer einfach viel zu hoch sind. Das sieht man allein schon an den hohen Kosten pro 100 km (optimistisch vergleichbar mit einem Benziner, in manchen Regionen deutlichen höher). Trotzdem wird es aber immer Situationen geben (siehe oben) in denen das Fahren eines E-Autos nicht möglich ist, oder eine unzumutbare Belastung bedeuten würde. Genau hier können H2-Fahrzeuge ein Ansatz sein. Das gilt im Übrigen auch für Stadtbusse und auf bestimmten Strecken auch für LKW.

Wasserstoffauto Modelle

Welche Modelle gibt es aktuell auf dem Markt ?

Neuwagen

Beide Modelle sind aus meiner Sicht als Neuwagen zu teuer um die oben beschriebenen Nachteile auszugleichen und deshalb eher etwas für Idealisten & Gutbetuchte.

Gebrauchtwagen

Für mein Auto habe ich 13.790€ mit etwa 30.000 km gezahlt, was damals noch günstiger war als ein neuer Dacia Spring. Dafür bekomme ich ein Fahrzeug der oberen Mittelklasse mit einer Ausstattung die wenige Wünsche vermissen lässt.

Dazu gilt die Toyota Garantie auch für Gebrauchtwagen bei denen der Service regelmäßig bei Toyota erledigt wird (was aufgrund der Antriebsform sowieso nicht wirklich in anderen Werkstätten geht).

Hyundai bietet diese Garantie soviel ich weiß nicht an, weshalb ich bei Hyundai auf einen günstigeren Preis bestehen würde, um das Risiko eines Totalverlusts bei einem Fehler in der Brennstoffzelle oder in der Elektronik zu verringern.

Wichtig zu wissen: wie bei allen Gasautos müssen auch bei Wasserstoffautos die Tanks und Leitungen nach 20 Jahren ausgetauscht werden. Das MHD findet man in der Tankklappe.

Statistiken für Nerds

Wasserstoff Auto Tankstelle
Illustration einer Wasserstoff-Tankstelle. Bild: jroballo / stock.adobe.com
  • Gefahrene Kilometer: 20.000
  • Getankter Kraftstoff: ca. 200 kg Wasserstoff bei 700 bar Druck
  • Durchschnittliche Dauer eines Tankvorgangs: 3 Minuten (inklusive Bezahlung)
  • Kosten für Kraftstoff pro 100 km: Ca. 10€ (sparsame Fahrweise). Bei flotter Fahrweise eher 13-15€ pro 100 km.
  • Kosten für den ersten Service nach Kauf: 1.100€ (nur Ersatzteile, Arbeitsstunden sind bei den ersten drei Inspektionen Gratis).
    • In den 1.100€ enthalten war ein sündhaft teurer Ionenfilter, der dazu da ist das Kühlmittel für die Brennstoffzelle von unerwünschten Ionen aus der Umgebungsluft zu reinigen. Dieser muss jedoch nur alle 7 Jahre ausgetauscht werden, weshalb die nächste Wartung vermutlich deutlich günstiger sein wird.
  • Kosten für einen neuen Satz Reifen (Allwetter): 500€ (Goodyear)
  • Versicherung, Teilkasko, SF-Klasse 4: 1000€ pro Jahr
  • KFZ-Steuer: 0€

An dieser Stelle sollte man also klar sagen, dass es in der Unterhaltung kein günstiges Auto ist, sondern wohl eher mit einem Benziner in der Mittleren Oberklasse (z. B. 5er BMW) vergleichbar ist. Was ich noch herausfinden muss, ob beim TÜV neben der Hauptuntersuchung auch eine Abgasuntersuchung gemacht werden muss, denn technisch gesehen stößt der Mirai ja Abgase aus, nur eben eigentlich nur Wasserdampf. Wenn die AU wegfällt, hätte man zumindest hier im Vergleich zum Verbrenner ein bisschen gespart.

Fazit

Wasserstoffautos sind und bleiben vermutlich auch in Zukunft ein Nischenprodukt. Aber ihr Anwendungsfall ist aktuell vermutlich größer als selbst die Autohersteller wissen. In meiner Wohnsiedlung gibt es kein einziges E-Auto und es gibt insgesamt 165 2- bis 4 Zimmerwohnungen und dementsprechend viele Autos, Garagen und Stellplätze. Obwohl es viele Eigentümer gibt, hat keiner bisher eine Wallbox aufgestellt. Mit mehr Tankstellen, bezahlbaren Neuwagen und bezahlbarem Wasserstoff wäre hier aus meiner Sicht ein großes Nachhaltigkeitspotential im individuellen Verkehr zu heben – trotz des deutlich schlechteren Wirkungsgrads von Wasserstoff im Vergleich zum BEV.

Ob die nötigen Investitionskosten für eine Wasserstoff-Infrastruktur im richtigen Verhältnis stehen, mag ich nicht zu bewerten, dafür kenne ich mich in den Details der Technik zu wenig aus.

Vermutlich ist dem nicht so, denn sonst wäre der Hochlauf von Wasserstoff-PKW nicht so sehr ins Stocken geraten. Aktuell sehe ich kaum eine Zukunft für Wasserstoff-PKW, denn Elektroautos haben einfach eine deutlich bessere Energieeffizienz und sind bei heimischem Laden in Punkto laufende Kosten auch die preiswertere Alternative. Auch ich würde sofort auf ein reines E-Auto oder ein PHEV umsteigen wenn ich daheim laden könnte.

Für den Moment ist es aber für mich das richtige Modell der Fortbewegung und vielleicht ja auch für dich als Leser? Schreib mir gern deine Erfahrungen oder Überlegungen in die Kommentare – es ist ein diskussionswürdiges Thema, aber trotzdem bin ich immer für Technologieoffenheit.

(Titelbild: Frank H. / stock.adobe.com)