In Facebook Gruppen zur Permakultur gibt es immer wieder Kontroversen um Veganismus oder nicht. Manche Veganer sagen, dass Permakultur ohne Tierhaltung auskommen sollte. Nicht-Veganer finden diese Perspektive nicht stichhaltig oder unlogisch, da der Einsatz von Tieren in vielen Permakulturen ganz natürlich ist. In diesem Beitrag möchte ich eine sachliche Perspektive auf diese Frage einnehmen und die Vorteile der Tierhaltung für Permakulturen herausarbeiten aber auch Wege aufzeigen, wie eine vegane Permakultur möglich sein kann.
Inhaltsverzeichnis
Vorbemerkungen und Vorteile der Tierhaltung in der Permakultur
Zunächst mal ein paar Worte vorweg. Ich ernähre mich selbst seit einigen Jahren überwiegend vegan und das aus verschiedenen Gründen. Mir ging es von Anfang an nie darum, andere von dieser Ernährungsform zu überzeugen. Ich wurde auch nicht von anderen davon überzeugt, sondern habe diese Entscheidung selbst getroffen, vor allem aufgrund der Auswirkungen auf die Umwelt und wegen der Haltungsbedingungen vieler Tiere heute. Außerdem ist es mir wichtig auch immer einen kritischen Blick auf meine eigene Lebensweise zu haben und immer offen für neue Erkenntnisse zu sein.
Durch die Auseinandersetzung mit Permakultur sind mir daher einige Probleme am Veganismus aufgefallen, die vor allem aus einer landwirtschaftlichen Perspektive kommen. In vielen Permakultur-Konzepten werden Tiere eingesetzt um wichtige Funktionen im Ökosystem zu übernehmen. Permakultur ist ja ein Konzept, das die Natur versucht zu imitieren und in der Natur gibt es vielfältige Beziehungen zwischen Tier- und Pflanzenwelt. Daher ist es nur natürlich, dass in vielem Permakulturen ganz bewusst verschiedene Tierarten in die Gestaltung eingebaut werden – jede erfüllt eine ganz bestimmte Funktion im Permakultur-System. Der Begriff “Vegane Permakultur” ist für viele daher auch ein unlogischer Begriff.

Für viele Menschen ist es ganz natürlich die Erzeugnisse der Tiere auch zu nutzen, zum Beispiel Eier, Fleisch, Schafwolle usw. Für mich ist das auch eine vollkommen valide Perspektive, denn die Haltungsbedingungen sind oft viel besser als von gekauftem Fleisch. Zusätzlich nehmen die Tiere dem Menschen viel Arbeit ab und sorgen für eine ausgeglichene und resiliente Permakultur. Gleichzeitig lässt sich dadurch auch der Einsatz von fossilen Brennstoffen vermeiden, indem zum Beispiel Schafe die Streuobstwiesen mähen oder Hühner den Garten von Schädlingen freihalten.
Eine globale Perspektive auf Tierhaltung und Veganismus
Viele Flächen auf der Erde sind außerdem nicht für den Anbau von pflanzlichen Nahrungsmitteln geeignet. In einem TED Talk spricht Allan Savory von ganzen zwei Dritteln der landwirtschaftlich Nutzbaren Fläche auf der Erde. Das bedeutet, dass ein Großteil überhaupt nicht vegan bewirtschaftet werden kann. Deshalb ist auch für mich als veganer vollkommen klar, dass ganzheitliche Weidehaltung und damit der Verzehr von Tierprodukten zur Ernährung vieler Menschen dieser Erde auch in Zukunft dazugehören wird. Gewissermaßen ist Veganismus also zumindest teilweise ein Privileg des Westens, wo die Niederschlagsmengen hoch genug sind um pflanzliche Nahrungsmittel überhaupt anbauen zu können.

Was allerdings keinen Sinn ergibt, ist Rinder und andere Tiere mit Soja, Mais und anderen Getreiden zu füttern. Denn diese Getreide sind ja auch von uns Menschen essbar und beim Wachstum der Tiere geht ein Großteil der Energie in Stoffwechselprozessen verloren. Natürlich kritisieren viele zurecht die Haltungsbedingungen in den engen Stellen der Massentierhaltungsbetriebe. Eine solche Tierhaltung wollen nach meiner Erfahrung weder Veganer noch Selbstversorger mit Tierhaltung. Im Gegenteil: Viele Selbstversorger mit Tieren in ihrer Permakultur machen das nach meiner Erfahrung um von der Massentierhaltung wegzukommen. Eine ganzheitliche und ganzjährige Weidehaltung wie ich sie oben beschreibe hat aber nichts mit Massentierhaltung zu tun, denn die Tiere haben viel Platz und essen natürliches Futter. Gleichzeitig wird die Qualität des Bodens Jahr für Jahr verbessert und die Resilienz des Ökosystems gesteigert.
Ein Modell aus der Landwirtschaft: Der Biozyklisch-vegane Anbau
Tatsächlich gibt es in Deutschland schon einige Höfe, die vollständig vegan wirtschaften. Dazu gehören zum Beispiel die PfalzBio GbR mit 48 Hektar Gemüseanbau im Freiland oder der Biohof Hausmann mit 25 ha Gemüse- und Kartoffelanbau. Für diese Art des Anbaus gibt es auch schon eine eigene Zertifizierung: Das Biozyklisch-Vegane Gütesiegel. Diese Art des Anbaus hat zwei wichtige Säulen: Zum einen die Ablehnung der Zufuhr von tierischen Produkten (z.B. Gülle, Hornspäne oder Blutmehl) und zum anderen die Vermeidung von klassischer Schädlingsbekämpfung.
Dadurch, dass durch den Biologischen Anbau auch auf klassische Spritz- und Düngemittel verzichtet wird, hat der bio-vegane Anbau seine ganz eigenen Anforderungen. Zum einen natürlich die Stickstoffversorgung der Pflanzen. Ohne Gülle oder andere tierische Zusatzstoffe muss der Stickstoff auf rein pflanzliche Weise zur Verfügung gestellt werden. Das geht zum Beispiel durch pflanzliche Kompostherstellung, Mischkulturanbau und Fruchtfolgeplanung, aber auch durch die Gabe von pflanzlichen Jauchen und Gründüngung. All diese Methoden lassen sich natürlich auch in einer veganen Permakultur anwenden – dazu gleich mehr.
Zunächst aber noch ein paar Worte zum Schädlingsmanagement. In den meisten anderen Anbauformen wird mit chemischen oder mineralischen Sprizmitteln gearbeitet. Auch das Absammeln von Schädlingen (wenn es noch Sinn macht) oder die Zerstörung von Schneckengelegen wird in anderen Anbauformen genutzt. Das alles wäre in der bio-veganen Landwirtschaft nicht erlaubt. Hier setzt man, ähnlich wie bei der Permakultur, auf ein integriertes Konzept des Schädlingsmanagements. Durch die geschickte Kombination von Pflanzen und Kräutern können Pflanzen einerseits gegen Schädlinge gestärkt werden und Schädlinge durch Geruchsstoffe andererseits abgehalten werden. Wirklich Akutmittel gibt es aber nicht, außer der gezielte Einsatz von Nützlingsinsekten oder die Gabe von pflanzlichen Jauchen (z.B. Wermutjauche), mit der Schädlinge verjagt werden können.
Okay, jetzt haben wir schon einige gute Hinweise aus der Landwirtschaft zusammengetragen. Diese können wir zumindest teilweise auf mögliche Formen der veganen Permakultur übertragen.
Modelle für die Vegane Permakultur
Zunächst einmal sollte ich an dieser Stelle erwähnen, das eine absolut vegane Permakultur gar nicht möglich ist. Der Boden ist voller Tiere die maßgeblich für die Qualität des Bodens verantwortlich sind. Diese Tiere zu schonen ist natürlich immer im Sinne der Permakultur, egal ob vegan oder nicht. Bei Veganer Permakultur geht es meines Erachtens eher darum, dass wir Tiere nicht für die eigene Nahrungsversorgung einplanen und Tiere in der Umwelt nicht aktiv töten oder schädigen. Zusätzlich dürfen in der veganen Permakultur genau wie in der bio-veganen Landwirtschaft keine Bodenbelebungspräparate aus tierischen Quellen eingesetzt werden. Streng genommen sind daher viele pflanzliche Produkte nicht unbedingt vegan. Gemüse aus biologisch-dynamischem Anbau (Demeter) wäre wegen der tierischen Präparate zum Beispiel nicht vegan. Und auch andere Erzeugnisse, wie Mais der mit Gülle gedüngt wird, auch nicht.
Ich gehe jetzt erstmal davon aus, dass die meisten Leser das Thema Selbstversorgung interessiert. Deshalb klammere ich das Thema Permakultur-Landwirtschaft erstmal aus. Als Selbstversorger muss man sich, unabhängig von der Ernährungsform natürlich überlegen, was die eigenen Essgewohnheiten sind. Veganer ernähren sich zumeist nicht nur von Gemüse, also ist ein reiner Gemüsegarten nach Mischkulturensystem keine Option. Wer eine vollwertige vegane Selbstversorgung haben möchte, muss deshalb zumindest Obst, Nüsse, Bohnen und Kartoffeln, aber auch Ölsaaten wie Sonnenblumme oder Raps in den Anbau integrieren. Dann sind natürlich wie bei der bio-veganen Landwirtschaft die Themen Nährstoffversorgung, Schädlingsmanagement und Beikrautmanagement wichtig. Aus dem Bereich der Permakultur sollten wir noch die Förderung der Biodiversität mit in den Blick nehmen.
Vegane Permakultur: Reihenmischkultur für den Gemüseanbau
Eine gute Methode für die vegane Permakultur kann die Reihenmischkultur nach Gertrud Franck sein. Auch wenn Franck den Einsatz von tierischen Düngemitteln nicht ausschließt, lässt sich das Konzept recht einfach in eine vegane Variante verwandeln. Denn die Reihenmischkultur setzt auf ein integriertes Schädlingsmanagement durch Abwehr- und Stärkungspflanzungen sowie Pflanzenjauchen zur allgemeinen Stärkung der Pflanzen.

Mit dieser Methode lassen sich Selbstversorgergärten im Gemüseanbau beliebig skalieren und sind nicht auf den Einsatz von Tieren angewiesen. Vorausgesetzt, dass genügend Personen mitarbeiten lässt sich auf diese Weise auch eine große Hausgemeinschaft mit Gemüse, Bohnen und Kartoffeln ernähren. Auch Obst- und Nussbäume sowie Beerensträucher können sehr gut in die Reihenmischkultur ergänzt werden. Aus permakultureller Perspektive wäre es noch interessant, mehrjährige Gemüsesorten wie zum Beispiel Spargel oder eher ungewöhnlichere Sorten wie Fetthenne mit einzubauen. Über die Reihenmischkultur nach Gertrud Franck und ihre Weiterentwicklung durch Margarete Langerhorst werde ich in den nächsten Wochen auch noch einen ausführlicheren Artikel schreiben. Auch über das Anpflanzen von mehrjährigem Gemüse wird es mit Sicherheit noch einen Artikel geben.
Vegane Permakultur: Das Modell Gnadenhof
Mittlerweile gibt es in Deutschland viele so genannte Gnadenhöfe. Auf diesen werden Tiere gehalten, die vor der Schlachtung gerettet wurden. Auf manchen dieser Höfe werden hunderte von Tieren gepflegt, bis sie eines natürlichen Todes sterben. Aus meiner Sicht ließe sich dieses Modell perfekt mit der Permakultur vereinbaren. Die Tiere bringen oft wenige bis keine Erträge mehr und wurden deshalb aus der Tierindustrie aussortiert. Auf Gnadenhöfen können sie bis an ihr Lebensende in einer natürlichen Umgebung leben. Gnadenhöfe sind heute nichts mehr ungewöhnliches. In dieser Liste habe ich allein 29 Gnadenhöfe gefunden.
Auf Gnadenhöfen werden oft eine Vielzahl unterschiedlicher Tierarten gehalten. Schweine, Hühner, Esel, Pferde aber auch Rinder werden vor der Schlachtung gerettet und gepflegt. In einer Permakultur können Tiere integriert werden, ohne einen direkten Nutzen für den Menschen zu erfüllen. Sie haben aber die Möglichkeit ihren natürlichen Instinkten nachzugehen und natürliches Futter zu essen. Dieses Verhalten können wir in die Permakultur integrieren und beispielsweise Pferde oder Schafe auf alte Streuobstwiesen oder Agroforstflächen schicken, um dort das Gras abzumähen. Da ist in etwa so wie wenn wir nur Fallobst vom Baum nehmen, welches der Baum zum Zwecke der eigenen Fortpflanzung ohnehin abwirft.
Durch diese bewusste Integration können wir in der veganen Permakultur nach diesem Modell den Einsatz von fossilen Brennstoffen vollständig vermeiden und müssen weniger Futter für die Tiere im Gnadenhof dazukaufen. Zusätzlich leben die Tiere in einer für sie möglichst natürlichen Umgebung und können ihr Verhalten ausleben. Man kann in diesem Fall also nicht von einer “Nutzung” der Tiere sprechen, die aus meiner Sicht nicht vegan wäre. Es geht viel mehr darum die Tiere auf dem Gnadenhof an Orte zu senden und ihrem natürlichen Verhalten nachgehen zu lassen. Gleichzeitig werden dadurch menschliche Bedürfnisse einer pflanzenbasierten Ernährung erfüllt.
Titelbild: ernie114 / Pixabay.com
Buchempfehlungen
- The Vegan Book of Permaculture. Recipes for Healthy Eating and Earthright Living. Von Graham Burnett, 304 Seiten für 20€* (Affiliate-Link / Werbung)
- Growing Green: Animal-Free Organic Techniques. Von Jenny Hall und Ian Tollhurst, 352 Seiten für 23,50€* (Affiliate-Link / Werbung)
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